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„terra nova wird immer ein Teil von mir bleiben“ – Jan Tietmeyer nimmt nach 22 Jahren als Geschäftsführer Abschied

Ein Beitrag vom 3. März 2021

Es war eine Stellenanzeige für einen Zivildienstleistenden, die Jan Tietmeyer vor mehr als 22 Jahren zu terra nova e.V. geführt hat. Und wenn es poetisch umschrieben werden sollte, dann würden die Zeilen nun lauten: „Und es war Liebe auf den ersten Blick.“ Der Verein stand selbst, knapp zwei Jahre nach seiner Gründung, noch ganz am Anfang der Entwicklung. Neben Gründer und Initiator Michael Hardebusch arbeiteten damals acht weitere Mitarbeiter für den Verein. „Michael Hardebusch benötigte Unterstützung in der Verwaltung, zum Abarbeiten von Akten und Unterlagen und für die Schaffung einer gewissen Grundstruktur. Ich beherrschte das 10-Finger-System und konnte mit Word und Excel umgehen – damit kamen wir hier damals einen großen Schritt weiter“, erinnert sich der heute 41-jährige Tietmeyer schmunzelnd an diese Anfänge.

Rückblickend kann gesagt werden, dass die Stelle als Zivi den beruflichen Werdegang von Jan Tietmeyer stark beeinflusst hat, denn in dieser Zeit wurde immer deutlicher, dass er ein Händchen für diese vielseitigen und weitreichenden Aufgaben hatte. „Es waren auch extreme Momente, die mich hier geprägt haben, emotional fordernde Situationen, insbesondere im Umgang mit den Betreuten. Aber ich bin daran gewachsen, konnte mich weiterentwickeln und vor allem meine Berufung finden“, so Tietmeyer.

Auch während seines Studiums der Volks- und danach der Betriebswirtschaftslehre arbeitete Tietmeyer als studentische Aushilfe weiter für und mit terra nova. Eine „Win-Win-Situation“ für beide Seiten, denn die Theorie des Studiums fand ihre Anwendung in der Praxis, wovon alle Beteiligten sehr profitierten, erinnert sich Michael Hardebusch: „Jan war ein riesiger Gewinn für terra nova. Er kümmerte sich mit Herzblut um alle anfallenden Arbeiten, war immer einsatzbereit und hatte einen hohen Anteil an der Entwicklung des Vereins“.

Tietmeyer blieb nach dem Studium als wissenschaftlicher Mitarbeiter weiter an der Universität in Münster und arbeitete einige Jahre neben seiner Promotion als Berater in Wirtschaftsunternehmen. Bei einem Auslandsprojekt in Hong Kong traf er dann die Entscheidung gegen die profitorientierte Wirtschaft und für terra nova. „Mir hat die Arbeit mehr gegeben, ich sah einen Sinn in den Aufgaben und die Bedeutung der Einrichtung. Daher habe ich mich nach der Promotion dazu entschieden, auch noch einen zusätzlichen Masterabschluss in Sozialer Arbeit zu absolvieren. Mir war es wichtig, mit noch mehr Know-how den Verein unterstützen und weiterentwickeln zu können.“ 2009 übernahm er die stellvertretende Leitung und widmete sich vornehmlich dem Bereich der aufsuchenden Hilfen. Die Einrichtung wuchs weiter, zu den bis dato 25 Vollzeitstellen kamen knapp 30 weitere Stellen dazu.

Im Jahr 2013 wechselte Tietmeyer schließlich an die Seite von Michael Hardebusch in die Geschäftsleitung, welche er nach dem altersbedingten Ausscheiden von Hardebusch zwei Jahre später vollständig übernahm. „Michael ist nicht nur der Grundstein von terra nova, sondern für mich ein wichtiger Mentor gewesen. Wir haben die ersten Jahre noch in seinem privaten Arbeitszimmer in Borghorst gemeinsam an einem 1,5 Meter breiten Schreibtisch gesessen, sind mit dem Verein durch Höhen und Tiefen gegangen, haben viel Zeit miteinander verbracht und ich habe vieles von ihm gelernt“, fasst Tietmeyer die Zusammenarbeit mit dem heutigen Vorstandsvorsitzenden zusammen. Jener ging seinerzeit natürlich mit einem weinenden, aber auch mit einem lachenden Auge in den Ruhestand, denn er wusste, dass der Verein unter der Leitung von Jan Tietmeyer in sehr guten Händen war. So gut, dass sich Hardebusch, um selber Abstand gewinnen zu können, vorerst komplett aus dem Geschehen zurückzog. Die folgenden Jahr hatten es in sich, denn 2015 begann der Flüchtlingsstrom, der den Verein dazu veranlasste, binnen kürzester Zeit ein entsprechendes Betreuungssetting zu entwickeln und weitere 40 Vollzeitstellen mit Fachkräften zu besetzen, um die vielen unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge begleiten und unterstützen zu können. Eine große Herausforderung, die hier gemeistert wurde. Drei Jahre später erfolgte dann der Rückbau dieses Bereiches, weil der Flüchtlingsstrom zurückging. Auch diese Zeit, emotional sehr belastend, konnte Tietmeyer mit seinem Team erfolgreich absolvieren.

Warum nun also ein Abschied von terra nova, mag sich so manche(r) an dieser Stelle fragen. Nun, die Antwort kann nur einer geben: „terra nova hat mich geprägt und ich bin dankbar für die vielen Jahre, die ich mit und für den Verein gearbeitet habe. In meiner Position als Geschäftsführer war ich zeitlich sehr eingebunden, was leider in Teilen zu Lasten meiner eigenen Familie ging. Parallel arbeite ich auch noch als Dozent an diversen Fachhochschulen als Ausbilder für das Studium der Sozialen Arbeit. Diese Tätigkeit lässt es zu, Privates und Berufliches für mich optimal zu vereinen.“ Aber eines ist sicher, dem Verein bleibt er weiterhin treu – in beratender Funktion für den Vorstand und als aktives Mitglied. Alles andere ist wohl in dem Leben von Jan Tietmeyer gar nicht vorstellbar.

Aber wie sieht so ein Abschied unter den derzeitigen Bedingungen aus? Bereits im Vorfeld wurde ein System entwickelt, so dass mit Hilfe einer großen Leinwand und per Zoom mehr als 25 Mitarbeitende und Vereinsmitglieder die Chance ergreifen konnten, wenigstens auf diesem Weg ein lautes „Danke und bis bald“ und einige persönliche Worte zu übermitteln. Eine tolle Aktion, die Jan Tietmeyer sichtlich überrascht und auch gerührt hat.

Coronakonform überreichte der Vorstandsvorsitzende Michael Hardebusch einen Strauß Blumen und das Team hatte noch eine besondere Überraschung im Ärmel. Frei nach dem Motto „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“ wird es, sobald die Situation es erlaubt, ein großes Grillfest zur Verabschiedung von Jan Tietmeyer auf dem Hof der Wohngruppe Oster geben. Die passende Grillschürze und ein undatiertes „Save the date“ gab es schon jetzt.